oder: Leute schickt das Arbeitsamt…
Wenn man schon mit kalten Füßen aufwacht und dann unter Dusche das Wasser nicht warm wird. Am Freitagvormittag. Im Urlaub. Zu Hause. Dann bestätigt ein Blick in den Keller meist das dumpfe Gefühl, dass mit der Heizung was nicht in Ordnung ist.
Das Ding lässt sich auch mit allen bekannten Tricks aus den letzten Jahren nicht mehr in Gang setzen. Der Kundendienst muss her, bevor das Wochenende kommt. Gut, dass man sich hier auf dem Land kennt. Meist genügt ein Anruf, es kommt am gleichen Tag noch jemand raus, der sich eh schon auskennt im Haus und der das Ding zumindest irgendwie wieder funktionieren lässt, bis ein Ersatzteil beschafft ist. Die Firma genießt den Ruf, dass niemand im Kalten sitzen gelassen wird. Allerdings hat die Firma inzwischen aufgrund eines traurigen familiären Zwischenfalls einen neuen Eigentümer. Aber der gute alte Name ist geblieben. Also anrufen. Wird schon laufen wie immer…
Kundendienst: „Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass heute noch jemand rauskommt.“
Ich: „Waaasss?!?!“
Kundendienst: „Also, heute Mittag wäre möglich.“
Wunderbar, das nehm ich. Ich bitte darum, einfach wieder einen Kollegen zu schicken, der sich auskennt. Das wird schwierig, höre ich, weil es ja dringend ist und sich mein Gesprächspartner in der Firma sowieso noch nicht auskennt. Hat gerade erst da angefangen. Nun denn, das Beste hoffen und warten auf Mittag. Gegen Mittag steigt eine Gestalt aus dem Kundendienst-Auto, die ich noch nicht kenne. Einen Azubi im Schlepptau. Der Azubi schlägt diese Gestalt um Längen an Seriosität im Erscheinungsbild. Nun gut, die Gestalt soll ja auch nicht bei mir am Küchentisch sitzen, sondern ab in den Keller. Eine Stunde später läuft die Heizung immer noch nicht, aber der Azubi hat eine Stunde Ausbildung mehr in Fehlersuche. Der Kundendienstmitarbeiter tippt auf zwei Ersatzteile, die es jeweils sein könnten. Das wird aber wohl schwierig, die zu kriegen. Das wird dann heute geklärt.
Ich: „Und morgen kommt jemand und baut das ein?“
Gestalt: „Nein, heute Klärung, Montag Bestellung und dann mal sehen, wann das Ersatzteil da ist und ob es das dann ist.“
So persönlich mit der weltpolitischen Lieferketten-Problematik konfrontiert mache ich resigniert die Heizlüfter flott, arbeite mit der Erwärmung des Hauses durch die Sonne, die zum Glück nicht ausgefallen ist und halte mich am Wochenende möglichst oft woanders auf. Wandern und Essen gehen zum Beispiel. Zum Glück bin ich Duschen mit kaltem Wasser noch von einem Sommer unter der Außendusche gewohnt. Hat sogar den Vorteil, dass man viel schneller geduscht ist. Zum Glück sind die Fliesen im Bad unabhängig vom restlichen Heizkreislauf beheizt. Nicht auszudenken, wenn einen morgens neben dem kalten Wasser auch noch ein kaltes Bad begrüßen würde.
Montag. Anruf beim Kundendienst. Das Ersatzteil sei seit Freitag bestellt. Wann es kommt? Wisse man nicht. Ich fühle mich ein bisschen abgefertigt. Aber neue Besen kehren ja bekanntlich gut. Zur Sicherheit arbeite ich nicht im Home Office. Im Büro hab ich’s warm.
Am Dienstag hoffe ich auf die Ersatzteillieferung und bleibe mit dem Heizlüfter im Home Office. Da arbeite ich mich zusätzlich warm und im Bad lasse ich die Fliesenheizung durchlaufen. Die erste Etage kriege ich so einigermaßen warm.
Aber dann kommt meiner freier Tag. Mittwoch. Anruf beim Kundendienst. Murmeltiertag: Das Ersatzteil sei bestellt. Wann es kommt? Wisse man nicht. Dieses Mal bin ich auf den neuen Besen gefasst und verlange Klärung. Man will daraufhin sogleich nochmal bei Hersteller nachhaken und mich dann umgehend informieren. Ich halte den Herrn des kalten Hauses an, auch nochmal anzurufen und nach den genauen Infos zum Ersatzteil zu fragen. Wir haben ja schonmal was für die Heizung selbst bestellt. Vielleicht klappt das ja wieder. Der Kundendienst zeigt sich halbwegs kooperativ und will uns alle Ersatzteilinfos per E-Mail zusenden.
Am Donnerstag nach Feierabend des Kundendienstes erreicht uns diese E-Mail auch schon endlich. Ich stehe gerade in der Nachbarschaft unter der warmen Dusche, um anschließend zu erfahren, dass der Kundendienst bei uns vor Ort am letzten Freitag irgendwie den falschen Hersteller notiert hat. In der Mail werden wir daher gefragt, ob wir mal Fotos von der Heizung und den Typenschildern machen können und man bedankt sich für unsere Hilfe. Wäre jetzt nicht eher ein Wort der Entschuldigung und eine Beschleunigung der Angelegenheit durch persönliches Erscheinen angebracht? Nach einer Woche ohne Heizung, in der eine Fachfirma es nicht geschafft hat, das richtige Ersatzteil zu ermitteln, geschweige denn, es zu bestellen? Und hatten die nicht gesagt, es sei direkt letzten Freitag bestellt worden? Der E-Mail an uns ist ein E-Mail-Verkehr mit dem Hersteller beigefügt. Dieser Mail-Verkehr geht am Mittwoch nach meinem Anruf los und und endet am Donnerstag mit der Info des Herstellers, dass der eben nicht der Hersteller unserer Heizung ist, nach den Fotos, die der Kundendienst vor Ort gemacht hat.
Mir ist es gerade egal. Ich bin warm geduscht und sitze bei einem Glas Wein in einer warmen Wohnung in der Nachbarschaft. Mein Kopf kommt so langsam wieder auf Betriebstemperatur. Das hat Folgen. Die Details der E-Mail schießen mir im Kopf rum. Und mir fällt Folgendes ein, das ich dem Herrn des Hauses nun mitteile:
Eines der beiden Ersatzteile ist doch das gleiche, das letztes Jahr schon ausgetauscht wurde. Es kann ja trotzdem sein, dass das „neue“ Teil auch schon defekt ist. Das alte Teil liegt aber noch im Keller oben auf der Heizung. Und das war nie so defekt wie das neue Teil. Mit dem alten Teil lief die Heizung zumindest immer ein paar Stunden. Vielleicht kann der Herr des Hauses das neue Teil wieder ausbauen und das alte wieder einbauen und dann bestellen wir das Ersatzteil eben selbst. Karton ist ja noch da. Wir wissen ja nun, was wir brauchen. Wozu gibt es das Internet der Dinge. Ja, ich weiß, das ist, wenn die Heizung das Ersatzteil selbst bestellen könnte, aber bei ihrem Einbau, da gab es fast noch kein Internet. Also übernehmen wir persönlich die Vernetzung.
Der Herr des Hauses holt den kleinen dekorativen Holz-Werkzeugkasten aus dem Wohnzimmer, den ich ihm mal zu Weihnachten geschenkt habe. Damit man im Winter nicht immer ins Gartenhaus zum Werkzeug holen muss. Den Kasten hat er als hübsch aber unbrauchbar bezeichnet. Hat er nicht gesagt. Aber so geguckt. Aber heute wähnt er darin einen kleinen Schraubendreher. Mehr braucht’s nicht. Neues Teil vom letzten Jahr raus, altes Teil, das vorher zwanzig Jahre in Betrieb war, wieder rein. Heizung läuft.
Wir gehen ob dieser unerklärlichen aber eventuellen Tiefentladung des alten Teils nicht von Stabilität aus. Daher geht nun auch der Herr des Hauses nochmal schnell warm duschen. Ich war ja schon in der Nachbarschaft.
Am Freitagmorgen weckt mich das Anspringen der Heizung. Dieses Gefühl, wenn im Keller die fossilen Brennstoffe der nächsten Generation verbrannt werden. Unbezahlbar und wunderbar. Die schürfen ja schließlich auch für ihre Handys die Wertstoffe der wieder nächsten Generation ab, damit sie sich zu Fridays for Future vernetzten können mit den Dingern. Nein, das ist nicht politisch korrekt und auch nicht repräsentativ. Ist mir aber gerade egal. Ich taufe die Heizung Greta. Und den alten deutschen Diesel vor dem Haus „Mini-Greta“. Und den alten Italiener in der Garage mit Benzin im Blut „Kombi-Greta“. Die Heizung, die Autos, das war alles schon da, da ging die richtige Greta maximal in den Kindergarten. Die Greta, die mir jetzt erzählen will, dass ich nicht nachhaltig genug lebe während sie eine Crew nach Amerika fliegen lässt, die das Segelboot ihrer super nachhaltigen Reise über den atlantischen Ozean wieder zurücksegelt. Aber das konnte sie ja nicht wissen. Gut, auch das ist nicht politisch korrekt und repräsentativ. Ist mir aber gerade auch egal. Ich hab’s warm. Die Heizung läuft.
Das Ersatzteil hatten wir noch Donnerstagnacht bestellt und Samstagfrüh war es da. Am Samstagfrüh suche ich auch persönlich die Heizungsfirma auf. Meine Meditations App teilt mir zuvor in ihrem morgendlichen Ratschlag mit, dass es nicht nur darauf ankommt, dass man sein Ziel erreicht, sondern auch, wie. Ich überlege, wie das mit der Heizungsfirma klappen kann. Aber das scheint gar nicht gemeint. Ich bin kaum aus unserer Straße raus zu Fuß auf dem Weg zur Heizungsfirma, da hält neben mir ein Auto an. Darin eine recht verzweifelte Dame, die den Weg irgendwohin bei uns im Dorf sucht. Sie nennt das Ziel, das auch in der Nähe meines Ziels liegt. Ich könnte ihr jetzt den Weg durch die verwinkelten Straßen erklären, den sie eh nicht finden wird, oder auch einfach einsteigen. Es ist ja nicht wichtig, dass ich mein Ziel erreiche, sondern auch wie. Ich dachte halt zu Fuß. Ich konnte ja nicht wissen, dass es wichtig ist, mit dem Auto dahin mitzufahren. Ich steige ein. Die Dame teilt mir mit, wie dankbar sie ist, dass ich ihr helfe, weil sie ja eben völlig verzweifelt ist. Das Auto sei nicht ihr Auto. Das macht ja an sich die Fahrt schon schwieriger und dann kennt sie sich nicht aus und die Spülmaschine ist auch kaputt. Ich erwidere, dass ich den Zustand voll und ganz nachvollziehen kann. Spülmaschine, Fernseher, Kaffeemaschine, Herd und selbst Küchenwaage habe ich hinter mir. Ich hab jetzt gerade Heizung. Die Spülmaschine sei nicht lebenswichtig. Wir sind am Ziel, ich steige aus und sie bedankt sich nochmal überschwänglich und sagt, das mit der Spülmaschine, das sei die einzig richtige Einstellung. Ich deute noch kurz auf das Straßenschild mit dem Straßennamen, den sie gesucht hat und spätestens jetzt sieht sie schon ein kleines bisschen weniger verzweifelt aus.
Ich betrete die Räume der Heizungsfirma. Die Dame, die ihren guten Namen für den neuen Eigentümer hergibt, ist da. Ich kläre sie auf, was gerade mit ihrem guten Namen passiert. Ihr fällt mehrfach die Kinnlade runter noch bevor ich zum großen Finale komme, dass wir als ihre Kunden ja nun die Heizung selbst repariert haben und keine Rechnung für den Kundendiensteinsatz wünschen.
Anschließend wenden wir uns den schönen Dingen des Lebens zu. Ich hätte gern ein paar Änderungen in Bad und Gästebad, jetzt, wo es da wieder warm ist und brauche dazu ihren kreativen Kopf. Sie ist nämlich der kreative Kopf der Firma, die nicht nur Heizungen in dunklen Kellern repariert, sondern auch Bäder designt. Sie verspricht, sich in ihrem Urlaub in Portugal Gedanken darüber zu machen. Da fällt ihr in der warmen Sonne bestimmt was ein. Ja, auch ihr Kopf braucht offensichtlich eine Mindestbetriebstemperatur. Sie habe bei der Sanierung eines Hotels in Portugal den kreativen Teil geplant und sei nun, wo alles fertig ist, vom Hoteleigentümer auf einen Urlaub in eben dieses Hotel eingeladen worden. Sie sehe es jetzt zum ersten Mal nach der Sanierung. Es sei wunderschön auf einer Anhöhe mit Blick aufs Meer gelegen. Ein sehr kleines schnuckeliges Hotel. Ich verlange umgehend die Kontaktdaten, um meinen nächsten Urlaub zu planen. Sie will sie mir geben, wenn sie sich vor Ort überzeugt hat, dass alles zu unserer Zufriedenheit ausfallen wird. Ob sie jemals wiederkommt?
Wir vereinbaren noch, dass sich jemand von den Heizungsleuten, der sich bei uns auskennen, bei uns meldet, um uns in Punkto zukunftsorientierte Heizungssanierung zu beraten, damit wir der richtigen Greta endlich wieder politisch korrekt gegenübertreten können, bevor wir mit ihr über die Sache mit den Handys sprechen.
Ich kehre zurück nach Hause und erfahre, dass der Herr des mittlerweile warmen Hauses an selbiger Stelle, an der ich vorhin die verzweifelte Dame aufgegriffen habe, auch sein Karma gestärkt hat. Ein LKW-Fahrer war mit seinem LKW den Ansagen seines Navis gefolgt. Zum Glück nur soweit, bis ihm das alles zu schmal vorkam in unserem kleinen Ort und hatte den Herrn des Hauses um Hilfe gebeten. Die Hilfe hatte der LKW-Fahrer auch bitter nötig. Und so begab es sich, dass der Herr des Hauses den Verkehr auf der angrenzenden Landstraße stoppte, um den LKW rückwärts aus der schmalen Straße wieder auf die breite Straße zu winken. Richtige Wegbeschreibung inklusive.
Mit diesem guten Karma lief die Heizung zwei Wochen durch. Ist ja immer so, wenn man ein Ersatzteil vorrätig hat. Ich gehe aber auch auf Nummer sicher und rufe jeden Morgen „Guten Morgen, Greta!“ und jeden Abend „Gute Nacht, Greta!“ in den Keller.
Nach zwei Wochen nimmt der Herr des Hauses seine Fitnessübungen im Haus wieder auf. Hampelmann (ok, heute heißt das Jumping Jack) und was nicht alles noch. Auf jeden Fall viel Gehüpfe. Ich liege derweil woanders im Haus auf der Yoga-Matte. Um mich herum ist es still. Ich höre das friedlich Rauschen der Heizung. Nach einer Weile dieser Jumping Dingens-Erschütterungen höre ich das Rauschen der Heizung nicht mehr. Ich beende eine Weile später meine Yoga-Session und statte Greta im Keller einen Besuch ab. Ihre Kesseltemperatur ist mittlerweile so weit gefallen, dass ich nicht mehr damit rechne, dass wir ohne einen Ausfall davonkommen. Das mit den Erschütterungen kenne ich allerdings schon vom letzten Jahr. Und so tue ich das, was der fähige Heizungsmonteur aus dem letzten Jahr auch hin und wieder mal gemacht hat: Ich haue ein paar Mal sanft gegen das Ersatzteil. Zur Sicherheit säusele ich noch: „Ach Greta, was ist denn los?“. Greta antwortet, indem sie anspringt und das Haus weiter wärmt. Bis heute.
Ich bin sicher, wir kommen mit allen Gretas gut durch Winter!
🤣🤭 Knaller 🎉 Geschichten, die das Leben schreibt… kann man sich nicht besser ausdenken!
Ich versuchs bei unserer Greta in Holland auch mal so, vielleicht bringt sie uns auch noch über den Winter!
Ich drück uns die Daumen?👍
Da hab ich ja wirklich ein Juwel verpasst! Was für ein Feuerwerk! Ich les das grad zum dritten Mal, toll 👏👍😃!!!
Vielen Dank. Ich freu mich. Es ist aber auch viel zu lesen.